Keine normale Wanderfahrt
Man muss schon ruderverrückt sein, um auf die Idee zu kommen, von Witten nach Amsterdam zu rudern. Vom 27. bis 30. August fand dort die Ruderweltmeisterschaft statt. Zehn schon etwas in die Jahre gekommene, aber erfahrene Ruderer, darunter Helmut Janus vom ETUF, beschlossen, in fünf Tagen die 300 Kilometer lange Strecke mit dem Ruderboot zurückzulegen. Die Tour wird den etwas Vernünftigeren ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen, aber vielleicht ist es von Interesse, wie man überhaupt auf dem Wasserweg von Witten bzw. Essen nach Amsterdam kommt. Da die meisten Teilnehmer aus Witten und Bochum kamen, begann die Fahrt am Ruder-Club Witten. Die erste Etappe ging ruhrabwärts knapp 60 Kilometer bis Mülheim. Die Ruhr ist ein wirklich schöner Fluss, aber es mussten neun Staustufen überwunden werden. Nur dreimal konnten die Boote durch Bootsgassen abwärts gezogen werden. Ansonsten waren die Bootsgassen kaputt oder nicht vorhanden, und die Boote mussten getragen werden, was jedes Mal viel Zeit und Kraft kostete. Während der Fluss die meiste Zeit friedlich und mit wenig Strömung dahinfließt, gibt es in Hattingen unterhalb der Isenburg einige Stromschnellen. Hier muss man genau die Mitte treffen, damit die Boote nicht auf den Steinen aufsetzen, was auch gut gelang, aber mit einer heftigen Dusche verbunden war. Am zweiten Tag war nach sechs Kilometern erst einmal Schluss mit Rudern. Die Schleusen Raffelberg und Duisburg waren Baustellen und konnten nicht passiert werden. Die Boote mussten auf den Hänger und zur Ruhrmündung gefahren werden. Von hier aus ging es rheinabwärts mit dem Tagesziel Rees nach 67 Kilometern. Trotz niedrigen Wasserstands herrschte reger Schiffsverkehr. Wir mussten etliche Male die Wellen der stromauf fahrenden Frachtschiffe abreiten, was wir aufgrund guter Steuerkünste ohne Wasseraufnahme schafften. Zwischendurch gab es eine Mittagspause am Weseler Ruderverein in einem Seitenarm des Rheins. In Rees mussten wir an einem Kiesufer ins Wasser steigen und die Boote für die Lagerung über Nacht aus dem Wasser ziehen.
Der dritte Tag wurde mit einer Gesamtstrecke von 94 Kilometern zum Härtetest. Um sieben Uhr morgens ging es los. Nach knapp dreißig Kilometern mit Strömung auf dem Rhein teilt sich der Fluss kurz hinter der holländischen Grenze. Für uns ging es weiter auf dem nördlichen Arm, dem Nederrijn, in Richtung Arnheim. Mit der Strömung war es jetzt vorbei. Nach insgesamt fünfzig Kilometern gab es eine Mittagspause im schwimmenden Bootshaus von Arnheim, wo wir von sehr netten holländischen Ruderfreunden empfangen und bewirtet wurden. Nach weiteren 23 Kilometern mit einer Schleuse war das nächste Zwischenziel Wageningen mit einer Pause am dortigen Ruderclub. Dann folgten noch einmal 23 Kilometer, wieder mit einer Schleuse, mit dem Etappenziel Wijk bij Duurstede. Hier endete die Fahrt auf dem Nederrijn. An einem Yachthafen holten wir die Boote aus dem Wasser und lagerten sie über Nacht.
Es folgen zwei kürzere, aber um so aufregendere Etappen. Vom Yachthafen mussten wir die Boote erst einmal auf einem mitgebrachten Wagen quer durch den Ort zum Kromme Rijn transportieren, einem Flüsschen, auf dem es weiter nach Utrecht ging. Für Kanuten ist das eine nette Angelegenheit, aber der Fluss ist eigentlich nicht für elf Meter lange schwere Ruderboote geeignet. Das Einsetzen war schon ziemlich abenteuerlich, und dann mussten noch zwei Staustufen überwunden werden, an denen die Boote getragen werden musste. Zum Glück waren hier zehn starke Männer am Werk, die wussten, wie man an kleinen und steilen Stegen ein Boot aus dem Wasser hievt. Nach vielen Kurven und durch Seerosenfelder erreichten wir mit einer Pause am Teehaus am frühen Nachmittag Utrecht. Die Durchfahrt durch die Stadt auf der Alten Gracht war wohl der spektakulärste Teil der gesamten Tour. Um durch eine Brücke nach der anderen zu kommen, hieß es erst „Gas geben“ und dann „Ruder lang“ machen. Man musste sich an Ausflugsschiffen und unzähligen Paddelbooten vorbeiquetschen, und das vor einer Kulisse von traumhaften holländischen Häusern mit einem Café nach dem anderen und einem staunenden Publikum. Nach einer Schleuse am Ende des Stadtzentrums ging es weiter auf der Vecht, die sich durch eine holländische Bilderbuchlandschaft nach Norden schlängelt, während parallel und schnurgerade der Amsterdam-Rhein-Kanal mit großem Schiffsverkehr verläuft. Vorbei an Hausbooten und Windmühlen erreichten wir nach 42 Kilometern das Tagesziel, den Ruderclub in Breukelen, wo wir wieder einmal herzlich empfangen wurden. Die letzte Etappe führte uns weitere fünf Kilometer auf der Vecht. Ein herrliches Herrenhaus mit Park und privatem Bootssteg nach dem anderen ließen uns staunen über holländische Kultur und holländischen Wohlstand. Mit der Idylle war es aber erst einmal vorbei, als wir von der Vecht auf die Angstel abbiegen und den Kanal überqueren mussten. Mit Anlauf ging es unter kleinen Brücken durch, und dann mussten wir mit ein paar beherzten Ruderschlägen den Kanal überqueren, um nicht von den Frachtschiffen überfahren zu werden. Der Fluss wurde nicht größer, sondern immer enger. Immer wieder mussten wir die Ruder lang machen, um schmale Brücken zu passieren. Einige waren so niedrig, dass wir uns flach ins Boot legen mussten. Neben einem Skull-Vierer waren wir mit einem Riemenvierer unterwegs, der mit ausgefahrenen Riemen einfach zu breit für das kleine Flüsschen war. In einigen Ortsdurchfahrten konnten wir nur mit eingezogenen Riemen rudern, oder wir mussten uns mit Paddelhaken durch Engstellen kämpfen. Dann öffnete sich das Abcouder Meer, ein großer See, von dem es weiter auf einem breiteren Fluss in Richtung Amsterdam ging. In Ouderkerk erreichten wir die Amstel. Unter Ruderern ist dieser Fluss legendär, da hier alljährlich im Frühjahr das „Head oft he Amstel“, eine Regatta mit meist über hundert Achtern stattfindet. Die Regattastrecke von sechs Kilometern bis ins Stadtzentrum von Amsterdam waren auch für uns die Zielgerade, und so wurde noch einmal ordentlich Gas gegeben. Am Ruderclub RIC endete unsere Tour mit Blick auf die Skyline von Amsterdam.
Erschwerend kam hinzu, dass ein geplanter Mitreisender, der den Bus mit Bootshänger fahren wollte, ausfiel und wir somit den Landdienst selbst organisieren mussten. So blieb der Doppelvierer öfters mit drei Ruderern unterbesetzt, während einer den Bus zum nächsten Etappenziel brachte, um dann mit einem Faltrad zurück zu den Ruderern zu fahren. Ein Riesenglück hatten wir dagegen mit dem Wetter, das durchgehend angenehme Temperaturen und vor allem Schiebewind auf der langen dritten Etappe mit sich brachte. Es war durchgehend trocken. Erst im Moment, als wir in Amsterdam das Hotel betraten, ging ein Wolkenbruch nieder. Leider hielt sich das Regenwetter am Wochenende und sorgte bei der Weltmeisterschaft teilweise für schwierige Verhältnisse. Das Wochenende verbrachten wir an der Bosbaan, der Amsterdamer Regattastrecke. Für die deutschen Boote gab es eine gemischte Bilanz, nach zwei Goldmedaillen der Para-Ruderer in den Tagen zuvor am Samstag eine Silbermedaille für den Männer-Doppelvierer und am Sonntag das schon erwartete Gold für Oliver Zeidler im Einer. Absoluter Höhepunkt war aber der Männer-Achter am Sonntag. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen setzten sich die Holländer mit einer neuen Weltbestzeit gegen Großbritannien durch, ganz knapp dahinter Australien und mit einer Länge Abstand der Deutschland-Achter. Das war ein undankbarer vierter Platz, aber ganz nah dran an der Weltspitze.